Schön fürs Auge und gut für Flora und Fauna: das reiche Biotop der Lüneburger Heide (Foto: VNP)
30.07.2019
Hofbesuch

Hüter der Heide

Um für die Artenvielfalt zu kämpfen, kämpft Andreas Koopmann auf seinem Betrieb gegen die Natur. Denn nur so kann er die Lebensräume für gefährdete Arten wie Birkhuhn und Lammkraut verteidigen und eine einzigartige Landschaft schützen. Von Angelika Franz

Das Birkhuhn ist eine Diva. Es bleibt nur dort, wo die anspruchsvollen Forderungen an seinen Lebensraum zu seiner vollsten Zufriedenheit erfüllt werden. Und die sind nicht ohne. Für die Balz wünscht sich der Birkhahn weite, offene und kurzwüchsige bis vegetationslose Flächen - zum Beispiel eine junge Heide. Für die Brut muss es dann eine Fläche mit einer höheren Krautschicht sein, wie sie eher auf einer älteren Heide zu finden ist. Sind die Küken geschlüpft, braucht der Nachwuchs viele Insekten und etwas nährstoffreichere Flächen wie Ackerbrachen. Im Winter eignet sich ein Gehölz am besten zur Nahrungsbeschaffung, im Frühjahr gelüstet es das Birkhuhn zudem nach Snacks aus dem Moor. Ach ja, und hätte der Lebensraum des Birkhuhns eine Tür, würde ein großes „Bitte nicht stören!“-Schild an der Klinke baumeln. Denn der empfindliche Vogel mag weder Spaziergänger abseits der Wege noch freilaufende Hunde, Heißluftballons oder gar tieffliegende Flugzeuge, diese bringen ihn völlig aus der Fasson. Kein Wunder also, dass das Birkhuhn sich mit seinen hohen Ansprüchen zielsicher in die Kategorie 1 der Roten Liste der gefährdeten Tierarten manövriert hat und mittlerweile vom Aussterben bedroht ist.

Naturschützer Andreas Koopmann
Andreas Koopmann tut alles, um es dem Birkhuhn so angenehm wie möglich zu machen. Er bietet ihm alles an, was das Birkhuhn-Herz begehrt. Auf den rund 4450 Hektar Heideflächen, die zum Bioland-Landschaftspflegehof Tütsberg der VNP Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide gehören, knabbern sieben Heidschnucken- und Ziegen-Herden die Heide so kurz, wie das Birkhuhn es gerne für die Balz mag. Andere Flächen verbuschen, damit Mama Birkhuhn anschließend gute Verstecke für ihr Nest finden kann.

Die 450 Hektar lichte Ackerflächen mit breiten Blühstreifen sind dicht mit Insekten besiedelt wie das Schlaraffenland mit Lebkuchen gepflastert ist. Dazwischen immer wieder Baumgruppen und moorige Tümpel. Koopmanns Werben um die Gunst des Birkhuhns hat Erfolg. Etwa 30 Tiere fühlen sich bei ihm so wohl, dass sie selbst den gelegentlichen Wanderer durch die Lüneburger Heide oder die Schäferhunde der Heidschnuckenherden tolerieren. Für Naturschutzexperten ist der Vogel ein sicherer Anzeiger für ein intaktes Ökosystem: „Ist das Birkhuhn da, ist die Heide gesund.“

Aber Koopmann hat nicht nur ein Herz für Birkhühner, sondern auch für das Lammkraut. Bedacht schreitet er den Ackerrand entlang, ein Gummistiefel vor den nächsten. „Da!“ ruft er fröhlich und zeigt auf eine kleine grüne Rosette. Lammkraut. Und dahinter noch eins. Und noch eins. Das Ackerwildkraut ist ebenfalls extrem wählerisch. Für sein Gedeihen braucht das bodennah wachsende Lammkraut Licht – doch das dringt in dichten konventionellen Äckern nicht bis unten durch. Auf Koopmanns lichter bebauten Flächen aber sprießt das kleinwüchsige Wildkraut mittlerweile nicht nur an den Rändern, sondern auch mitten im Acker. „Birkhuhn und Lammkraut sind Leitarten im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide“, erklärt er. „Da sie so spezielle Ansprüche haben, reagieren sie besonders empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums.“

Birkhuhn und Lammkraut haben das große Glück, dass Koopmann ihrem Wohlergehen so viel Aufmerksamkeit schenken kann. Der Hof Tütsberg gehört der VNP Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide, Koopmann ist angestellter Betriebsleiter. Gemeinsam mit seiner Frau Heike Brenken, Ingenieurin für Landschaftsplanung, bewirtschaftet er neben den Heide- und Ackerflächen auch noch 450 Hektar Grünland und 40 Hektar Teichfläche. Schutz der Landschaft gehört ebenso zu den Aufgaben der beiden wie die Bewirtschaftung des Betriebs.

Solange der Hof Tütsberg nur in den schwarzen Zahlen bleibt, ist viel Raum für Naturschutzprojekte. Auf den Äckern wachsen Heidekulturpflanzen wie Buchweizen und Sandhafer. Roggen, Gerste, Hafer und Dinkel gibt es auch, vor allem zur Saatgutvermehrung. Auf einen Acker ist Koopmann besonders stolz, er gehört zu dem deutschlandweiten Projekt „100 Äcker für die Vielfalt“. Diesen Teil der Ackerfläche hat er der historischen Heidebauernwirtschaft mit zehnjähriger Fruchtfolge gewidmet. Hier gedeiht alles an Ackerbegleitflora, was die nährstoffarmen Heideböden hergeben.

Heide und Bauern nutzen einander

Es war schon immer eine harte Aufgabe, diesen Böden überhaupt einen Ertrag abzutrotzen. Heide- und Ackerflächen bilden dabei eine Symbiose. Die Bauern „plaggten“ dafür die Heide, sie entfernten die Pflanzendecke und die dünne obere Humusschicht. Diese Plaggen kamen als Einstreu in die Ställe der Heidschnucken. Waren sie nach einiger Zeit mit genügend Dung versetzt, brachten die Bauern sie als Dünger auf ihre Felder. Der Heide dagegen schadete diese Behandlung nicht – im Gegenteil, sie braucht besonders nährstoffarme Böden, um gut wachsen zu können. Auch die Heidschnucken sind perfekt an diese Landschaft angepasst. Sie brauchen kein saftiges Gras, sondern sind vollends zufrieden, wenn sie die jungen Triebe der Heide naschen können. Daher auch ihr Name: „Schnucke“ kommt vom Niederdeutschen „snickern, schnuckern oder schnökern“, was so viel wie „naschen“ bedeutet. Tagsüber sind die zotteligen Tiere mit dem besonders langen Fell zwar immer draußen, egal ob in Sonne, Regen oder Schnee. Doch nachts müssen die Schnucken in den Stall zurück – um ihrer Aufgabe als Düngerproduzent nachzukommen.

„Jetzt gehen wir zum Schluss aber noch mal zu den Lieblingstieren meiner Frau“, sagt Koopmann und schiebt ein Tor auf. Neugierig wenden sich 18 graue und braune Köpfe Richtung Zaun. „Sie hätte jetzt etwas Hafer dabei gehabt, dann wären die Stuten auch gekommen.“ Auf der Koppel stehen neun Dülmener Stuten mit ihren Fohlen. Keines ist älter als zwei Wochen, das jüngste gerade letzte Nacht geboren. Scheu drücken sich die vorderen Fohlen an ihre Mütter, weiter hinten animieren sich zwei mutigere gegenseitig zu ausgelassenen Bocksprüngen. Auch die Dülmener Pferde sind Kandidaten der Kategorie I auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen. Im Merfelder Bruch bei Dülmen in Westfalen leben noch rund 300 bis 400 Dülmener Wildpferde weitgehend ungestört von Menschen. Und auf dem Hof Tütsberg durchstreift immerhin eine Herde mit 30 bis 40 Tieren rund 250 Hektar Großkoppeln.

So harmonisch die Lüneburger Heide auch wirken mag, ohne die Hand des Menschen würde sie binnen kurzer Zeit verschwinden. Dann würde sich der Wald die Heideflächen zurückholen. Und die ersten, die gehen würden, wären das Birkhuhn und das Lammkraut. Koopmann sieht sich denn auch nicht unbedingt nur als Landwirt. Genau so ist er Beschützer der Heide und Kämpfer für eine einzigartige historische Kulturlandschaft. Er lässt seinen Blick über die Landschaft schweifen, über die Koppel, die Heide, die kleinen Baumgruppen am Horizont: „Ich nenne mich lieber Landwirt mit besonderen Aufgaben.“

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30.07.2019
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Das Birkhuhn ist eine Diva. Es bleibt nur dort, wo die anspruchsvollen Forderungen an seinen Lebensraum zu seiner vollsten Zufriedenheit erfüllt werden. Und die sind nicht ohne. Für die Balz wünscht sich der Birkhahn weite, offene und kurzwüchsige bis vegetationslose Flächen - zum Beispiel eine junge Heide. Für die Brut muss es dann eine Fläche mit einer höheren Krautschicht sein, wie sie eher auf einer älteren Heide zu finden ist. Sind die Küken geschlüpft, braucht der Nachwuchs viele Insekten und etwas nährstoffreichere Flächen wie Ackerbrachen. Im Winter eignet sich ein Gehölz am besten zur Nahrungsbeschaffung, im Frühjahr gelüstet es das Birkhuhn zudem nach Snacks aus dem Moor. Ach ja, und hätte der Lebensraum des Birkhuhns eine Tür, würde ein großes „Bitte nicht stören!“-Schild an der Klinke baumeln. Denn der empfindliche Vogel mag weder Spaziergänger abseits der Wege noch freilaufende Hunde, Heißluftballons oder gar tieffliegende Flugzeuge, diese bringen ihn völlig aus der Fasson. Kein Wunder also, dass das Birkhuhn sich mit seinen hohen Ansprüchen zielsicher in die Kategorie 1 der Roten Liste der gefährdeten Tierarten manövriert hat und mittlerweile vom Aussterben bedroht ist.

Naturschützer Andreas Koopmann
Andreas Koopmann tut alles, um es dem Birkhuhn so angenehm wie möglich zu machen. Er bietet ihm alles an, was das Birkhuhn-Herz begehrt. Auf den rund 4450 Hektar Heideflächen, die zum Bioland-Landschaftspflegehof Tütsberg der VNP Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide gehören, knabbern sieben Heidschnucken- und Ziegen-Herden die Heide so kurz, wie das Birkhuhn es gerne für die Balz mag. Andere Flächen verbuschen, damit Mama Birkhuhn anschließend gute Verstecke für ihr Nest finden kann.

Die 450 Hektar lichte Ackerflächen mit breiten Blühstreifen sind dicht mit Insekten besiedelt wie das Schlaraffenland mit Lebkuchen gepflastert ist. Dazwischen immer wieder Baumgruppen und moorige Tümpel. Koopmanns Werben um die Gunst des Birkhuhns hat Erfolg. Etwa 30 Tiere fühlen sich bei ihm so wohl, dass sie selbst den gelegentlichen Wanderer durch die Lüneburger Heide oder die Schäferhunde der Heidschnuckenherden tolerieren. Für Naturschutzexperten ist der Vogel ein sicherer Anzeiger für ein intaktes Ökosystem: „Ist das Birkhuhn da, ist die Heide gesund.“

Aber Koopmann hat nicht nur ein Herz für Birkhühner, sondern auch für das Lammkraut. Bedacht schreitet er den Ackerrand entlang, ein Gummistiefel vor den nächsten. „Da!“ ruft er fröhlich und zeigt auf eine kleine grüne Rosette. Lammkraut. Und dahinter noch eins. Und noch eins. Das Ackerwildkraut ist ebenfalls extrem wählerisch. Für sein Gedeihen braucht das bodennah wachsende Lammkraut Licht – doch das dringt in dichten konventionellen Äckern nicht bis unten durch. Auf Koopmanns lichter bebauten Flächen aber sprießt das kleinwüchsige Wildkraut mittlerweile nicht nur an den Rändern, sondern auch mitten im Acker. „Birkhuhn und Lammkraut sind Leitarten im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide“, erklärt er. „Da sie so spezielle Ansprüche haben, reagieren sie besonders empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums.“

Birkhuhn und Lammkraut haben das große Glück, dass Koopmann ihrem Wohlergehen so viel Aufmerksamkeit schenken kann. Der Hof Tütsberg gehört der VNP Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide, Koopmann ist angestellter Betriebsleiter. Gemeinsam mit seiner Frau Heike Brenken, Ingenieurin für Landschaftsplanung, bewirtschaftet er neben den Heide- und Ackerflächen auch noch 450 Hektar Grünland und 40 Hektar Teichfläche. Schutz der Landschaft gehört ebenso zu den Aufgaben der beiden wie die Bewirtschaftung des Betriebs.

Solange der Hof Tütsberg nur in den schwarzen Zahlen bleibt, ist viel Raum für Naturschutzprojekte. Auf den Äckern wachsen Heidekulturpflanzen wie Buchweizen und Sandhafer. Roggen, Gerste, Hafer und Dinkel gibt es auch, vor allem zur Saatgutvermehrung. Auf einen Acker ist Koopmann besonders stolz, er gehört zu dem deutschlandweiten Projekt „100 Äcker für die Vielfalt“. Diesen Teil der Ackerfläche hat er der historischen Heidebauernwirtschaft mit zehnjähriger Fruchtfolge gewidmet. Hier gedeiht alles an Ackerbegleitflora, was die nährstoffarmen Heideböden hergeben.

Heide und Bauern nutzen einander

Es war schon immer eine harte Aufgabe, diesen Böden überhaupt einen Ertrag abzutrotzen. Heide- und Ackerflächen bilden dabei eine Symbiose. Die Bauern „plaggten“ dafür die Heide, sie entfernten die Pflanzendecke und die dünne obere Humusschicht. Diese Plaggen kamen als Einstreu in die Ställe der Heidschnucken. Waren sie nach einiger Zeit mit genügend Dung versetzt, brachten die Bauern sie als Dünger auf ihre Felder. Der Heide dagegen schadete diese Behandlung nicht – im Gegenteil, sie braucht besonders nährstoffarme Böden, um gut wachsen zu können. Auch die Heidschnucken sind perfekt an diese Landschaft angepasst. Sie brauchen kein saftiges Gras, sondern sind vollends zufrieden, wenn sie die jungen Triebe der Heide naschen können. Daher auch ihr Name: „Schnucke“ kommt vom Niederdeutschen „snickern, schnuckern oder schnökern“, was so viel wie „naschen“ bedeutet. Tagsüber sind die zotteligen Tiere mit dem besonders langen Fell zwar immer draußen, egal ob in Sonne, Regen oder Schnee. Doch nachts müssen die Schnucken in den Stall zurück – um ihrer Aufgabe als Düngerproduzent nachzukommen.

„Jetzt gehen wir zum Schluss aber noch mal zu den Lieblingstieren meiner Frau“, sagt Koopmann und schiebt ein Tor auf. Neugierig wenden sich 18 graue und braune Köpfe Richtung Zaun. „Sie hätte jetzt etwas Hafer dabei gehabt, dann wären die Stuten auch gekommen.“ Auf der Koppel stehen neun Dülmener Stuten mit ihren Fohlen. Keines ist älter als zwei Wochen, das jüngste gerade letzte Nacht geboren. Scheu drücken sich die vorderen Fohlen an ihre Mütter, weiter hinten animieren sich zwei mutigere gegenseitig zu ausgelassenen Bocksprüngen. Auch die Dülmener Pferde sind Kandidaten der Kategorie I auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen. Im Merfelder Bruch bei Dülmen in Westfalen leben noch rund 300 bis 400 Dülmener Wildpferde weitgehend ungestört von Menschen. Und auf dem Hof Tütsberg durchstreift immerhin eine Herde mit 30 bis 40 Tieren rund 250 Hektar Großkoppeln.

So harmonisch die Lüneburger Heide auch wirken mag, ohne die Hand des Menschen würde sie binnen kurzer Zeit verschwinden. Dann würde sich der Wald die Heideflächen zurückholen. Und die ersten, die gehen würden, wären das Birkhuhn und das Lammkraut. Koopmann sieht sich denn auch nicht unbedingt nur als Landwirt. Genau so ist er Beschützer der Heide und Kämpfer für eine einzigartige historische Kulturlandschaft. Er lässt seinen Blick über die Landschaft schweifen, über die Koppel, die Heide, die kleinen Baumgruppen am Horizont: „Ich nenne mich lieber Landwirt mit besonderen Aufgaben.“

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