Lebensmittel im wahren Wortsinn begreifen können Kinder auf dem Gut Paulinenwäldchen bei Aachen (Fotos: Marta Fröhlich)
29.12.2018
Hofbesuch

Erlebnis Essen

Milch aus dem Tetrapak und Fleisch aus der Theke - viele Kinder wissen nicht, woher ihre Lebensmittel ursprünglich stammen. Deshalb bieten Höfe wie das Gut Paulinenwäldchen Mitmachprogramme auf dem Bauernhof an und bringen Kinder wieder näher ran an das, was mittags auf dem Teller liegt. Von Marta Fröhlich

Die gusseiserne Klinke quietscht leise, die morsche Holztür schwingt auf und gibt den Blick frei auf ein Paradies. Neugierig lugen hinter einem Gatter ein paar Ziegen hervor, nebenan trocknen zwei wohlgenährte Schweine ihre Borsten in der tiefstehenden Sonne des Spätsommers. Gegenüber greift eine kühle Brise in ein Weizenfeld, und rotbackige Äpfel schaukeln am Ast. Ein Bauernhof im Kleinen für Kleine - das ist Teil des Bioland-Hofs Gut Paulinenwäldchen, den Familie Gauchel seit 1999 in der Nähe von Aachen bewirtschaftet.

Erlebnispädagogin Doll
Auf der sogenannten Klosterwiese, einem abgetrennten Bereich direkt neben dem eigentlichen Hof, können Kinder ihr Essen selbst anbauen, ernten und verarbeiten. Schon im Frühjahr hat Steffi Doll mit Kindergartenkindern mehrere Reihen Kartoffeln ausgebracht und kann jetzt mit der Feriengruppe endlich ernten. "Alles was hier wächst, haben wir mit Kindern gepflanzt", erzählt sie. Mit bunten Spaten bewaffnet, bringen sich die Grundschulkinder in Stellung. "Wer weiß, woran man erkennt, dass die Kartoffeln reif sind?", fragt die 29-jährige Pädagogin in die Runde. "Wenn die Pflanze über der Erde welk ist", erklärt sie mithilfe eines großen Posters. Das Ferienprogramm ist Teil der Bildungsarbeit, die der Familie seit sechs Jahren eine Herzensangelegenheit und Teil der Initiative Lernort Bauernhof ist. Fünf Betreuer zeigen Kindern aus Aachen, wie der Alltag auf einem Bauernhof aussieht, wie Tierhaltung funktioniert und was das Besondere an Ökolandwirtschaft ist. Dabei steht vor allem eines im Mittelpunkt: selbst anpacken, mitmachen, erleben.

Endlich darf gebuddelt werden. Los geht die Jagd nach welken Kartoffelpflanzen. Gar nicht so leicht, denn ein ökologisch bewirtschafteter Acker sieht nicht immer wie geleckt aus. Wildkräuter und andere Pflanzen müssen zunächst beiseitegeschoben werden, um an die leckeren Knollen zu kommen. Ohne Scheu greifen die Kinder in die Erde, knien im feuchten Dreck, reißen die welken Kartoffelpflanzen heraus. Die ersten Kartoffeln landen im Bollerwagen am Ackerrand. Ein paar dicke, aber auch viele kleine. "Daran ist der trockene Sommer schuld. Pflanzen brauchen, wie ihr wisst, Wasser zum Wachsen. Und davon hatten wir nicht genug", erklärt Steffi Doll und hält eine walnussgroße Knolle in die Luft. "Deshalb werden die Pommes im neuen Jahr auch kürzer sein", sagt sie und erntet erstaunte Blicke. "Pommes werden ja aus Kartoffeln gemacht, und wenn die nur so klein sind, dann sind die Pommes auch klein."

Nach einer halben Stunde wildem Buddeln und Graben sind die Reihen abgeerntet und die Kartoffeln werden in einer Schubkarre mit Wasser geflutet. Und dann wird es richtig aufregend: Endlich kommt der Akkuschrauber zum Einsatz, den Steffi Doll bereitgelegt hat. Mit einem selbst gebauten Klobürstenaufsatz verwandelt sich das Werkzeug zur kleinsten Kartoffelwaschmaschine der Welt, reihum darf jeder mal die Knollen einer kräftigen Massage unterziehen und sie von Dreck befreien. Zu Mittag soll es Kartoffeln mit Quark und eine herbstliche Suppe vom frisch geernteten Kürbis geben, und der Hunger ist groß.

Die teilnehmenden Kinder verbringen meist eine ganze Woche auf der Klosterwiese. Allein für die Übernachtung werden sie von ihren Eltern abgeholt. Küchendienst, Ausmisten, Füttern - die Teilnehmer haben den Tag über verschiedene Aufgaben, analog zum großen Erwachsenenhof nebenan. "Am ersten Tag bekommen die Kinder immer eine Führung über den gesamten Betrieb", berichtet Teamleiterin Doll. Dann geht es auf Tour zum Kuh- und Schweinestall, zur Wiese von Ziegen und Schafen, an den aufgeregten Hühnern und riesigen Treckern vorbei bis zu den drei Bienenstöcken am Rand des Anwesens. Dabei gibt es jede Menge Neues zu bestaunen. Greta und ihre Freundin Lillith, beide zehn Jahre alt, wissen zum Beispiel nicht nur, dass man bei den Rindern wegen der Hörner nicht zu nah rangehen darf und dass Hühner im Freilauf Gebüsche oder Verschläge zum Unterstellen brauchen. Sie wissen auch, dass die Schweine hier zwar ein schönes Leben und deutlich mehr Platz haben als üblich, aber am Ende doch dafür gezüchtet werden, um Fleisch und Wurst aus ihnen herzustellen, die im Hofladen verkauft werden. Ein realistischer Blick auf ihren Vollerwerbshof ist der Familie Gauchel wichtig. Denn schließlich müssen sie bei allem Idealismus wirtschaftlich arbeiten, das dürfen auch Kinder lernen.

Heute bleibt die Küche jedoch vegetarisch. Fleißig werden Kartoffeln geschnibbelt, Kräuter aus dem Beet geholt, Quark mit Gewürzen angerührt. Und da sich Eltern für den Nachmittag zum Rundgang angekündigt haben, stecken zwei der Kinder schon bis über die Ellenbogen in Hefeteig. "Fühlt sich mehlig und warm an - und sehr, sehr klebrig", bemerken sie giggelnd. Das Mehl dafür kommt diesmal aus dem Hofladen. Doch auch Weizen wächst auf dem Gelände der Klosterwiese, er wird, wenn er reif ist, gedroschen, zu Mehl und dann gemeinsam zu Brot verarbeitet. Für den heutigen Stockbrotteig braucht's noch eine Tasse Mehl und eine Extraportion Muskelkraft, dann kann er ein paar Stunden ruhen, bevor die Eltern anrücken.

Teamleiterin Doll freut sich über das Engagement der Eltern: "Wir sind hier häufig der erste Kontakt zum Bauernhof für die Kinder. Umso toller, dass die Eltern auch Interesse zeigen und ihren Kindern näherbringen wollen, wie ihre Lebensmittel entstehen", erklärt sie. "Hier können die Kinder selbst erleben: Wo kommt mein Essen her? Was sind die Unterschiede zur konventionellen Landwirtschaft? Wir zeigen Alternativen, die zukunftsfähig sind", ist sie überzeugt.

Die Früchte ihrer Arbeit erntet die Erlebnispädagogin, wenn alle gemeinsam zwischen Heuballen am Tisch sitzen, die Löffel im Geschirr klappern, die Mägen voll mit warmer Suppe und leckeren Kartoffeln sind - selbst geerntet und zubereitet. Und die Kinder wieder ein Stück näher an dem, was sie satt macht.

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29.12.2018
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Milch aus dem Tetrapak und Fleisch aus der Theke - viele Kinder wissen nicht, woher ihre Lebensmittel ursprünglich stammen. Deshalb bieten Höfe wie das Gut Paulinenwäldchen Mitmachprogramme auf dem Bauernhof an und bringen Kinder wieder näher ran an das, was mittags auf dem Teller liegt. Von Marta Fröhlich

Die gusseiserne Klinke quietscht leise, die morsche Holztür schwingt auf und gibt den Blick frei auf ein Paradies. Neugierig lugen hinter einem Gatter ein paar Ziegen hervor, nebenan trocknen zwei wohlgenährte Schweine ihre Borsten in der tiefstehenden Sonne des Spätsommers. Gegenüber greift eine kühle Brise in ein Weizenfeld, und rotbackige Äpfel schaukeln am Ast. Ein Bauernhof im Kleinen für Kleine - das ist Teil des Bioland-Hofs Gut Paulinenwäldchen, den Familie Gauchel seit 1999 in der Nähe von Aachen bewirtschaftet.

Erlebnispädagogin Doll
Auf der sogenannten Klosterwiese, einem abgetrennten Bereich direkt neben dem eigentlichen Hof, können Kinder ihr Essen selbst anbauen, ernten und verarbeiten. Schon im Frühjahr hat Steffi Doll mit Kindergartenkindern mehrere Reihen Kartoffeln ausgebracht und kann jetzt mit der Feriengruppe endlich ernten. "Alles was hier wächst, haben wir mit Kindern gepflanzt", erzählt sie. Mit bunten Spaten bewaffnet, bringen sich die Grundschulkinder in Stellung. "Wer weiß, woran man erkennt, dass die Kartoffeln reif sind?", fragt die 29-jährige Pädagogin in die Runde. "Wenn die Pflanze über der Erde welk ist", erklärt sie mithilfe eines großen Posters. Das Ferienprogramm ist Teil der Bildungsarbeit, die der Familie seit sechs Jahren eine Herzensangelegenheit und Teil der Initiative Lernort Bauernhof ist. Fünf Betreuer zeigen Kindern aus Aachen, wie der Alltag auf einem Bauernhof aussieht, wie Tierhaltung funktioniert und was das Besondere an Ökolandwirtschaft ist. Dabei steht vor allem eines im Mittelpunkt: selbst anpacken, mitmachen, erleben.

Endlich darf gebuddelt werden. Los geht die Jagd nach welken Kartoffelpflanzen. Gar nicht so leicht, denn ein ökologisch bewirtschafteter Acker sieht nicht immer wie geleckt aus. Wildkräuter und andere Pflanzen müssen zunächst beiseitegeschoben werden, um an die leckeren Knollen zu kommen. Ohne Scheu greifen die Kinder in die Erde, knien im feuchten Dreck, reißen die welken Kartoffelpflanzen heraus. Die ersten Kartoffeln landen im Bollerwagen am Ackerrand. Ein paar dicke, aber auch viele kleine. "Daran ist der trockene Sommer schuld. Pflanzen brauchen, wie ihr wisst, Wasser zum Wachsen. Und davon hatten wir nicht genug", erklärt Steffi Doll und hält eine walnussgroße Knolle in die Luft. "Deshalb werden die Pommes im neuen Jahr auch kürzer sein", sagt sie und erntet erstaunte Blicke. "Pommes werden ja aus Kartoffeln gemacht, und wenn die nur so klein sind, dann sind die Pommes auch klein."

Nach einer halben Stunde wildem Buddeln und Graben sind die Reihen abgeerntet und die Kartoffeln werden in einer Schubkarre mit Wasser geflutet. Und dann wird es richtig aufregend: Endlich kommt der Akkuschrauber zum Einsatz, den Steffi Doll bereitgelegt hat. Mit einem selbst gebauten Klobürstenaufsatz verwandelt sich das Werkzeug zur kleinsten Kartoffelwaschmaschine der Welt, reihum darf jeder mal die Knollen einer kräftigen Massage unterziehen und sie von Dreck befreien. Zu Mittag soll es Kartoffeln mit Quark und eine herbstliche Suppe vom frisch geernteten Kürbis geben, und der Hunger ist groß.

Die teilnehmenden Kinder verbringen meist eine ganze Woche auf der Klosterwiese. Allein für die Übernachtung werden sie von ihren Eltern abgeholt. Küchendienst, Ausmisten, Füttern - die Teilnehmer haben den Tag über verschiedene Aufgaben, analog zum großen Erwachsenenhof nebenan. "Am ersten Tag bekommen die Kinder immer eine Führung über den gesamten Betrieb", berichtet Teamleiterin Doll. Dann geht es auf Tour zum Kuh- und Schweinestall, zur Wiese von Ziegen und Schafen, an den aufgeregten Hühnern und riesigen Treckern vorbei bis zu den drei Bienenstöcken am Rand des Anwesens. Dabei gibt es jede Menge Neues zu bestaunen. Greta und ihre Freundin Lillith, beide zehn Jahre alt, wissen zum Beispiel nicht nur, dass man bei den Rindern wegen der Hörner nicht zu nah rangehen darf und dass Hühner im Freilauf Gebüsche oder Verschläge zum Unterstellen brauchen. Sie wissen auch, dass die Schweine hier zwar ein schönes Leben und deutlich mehr Platz haben als üblich, aber am Ende doch dafür gezüchtet werden, um Fleisch und Wurst aus ihnen herzustellen, die im Hofladen verkauft werden. Ein realistischer Blick auf ihren Vollerwerbshof ist der Familie Gauchel wichtig. Denn schließlich müssen sie bei allem Idealismus wirtschaftlich arbeiten, das dürfen auch Kinder lernen.

Heute bleibt die Küche jedoch vegetarisch. Fleißig werden Kartoffeln geschnibbelt, Kräuter aus dem Beet geholt, Quark mit Gewürzen angerührt. Und da sich Eltern für den Nachmittag zum Rundgang angekündigt haben, stecken zwei der Kinder schon bis über die Ellenbogen in Hefeteig. "Fühlt sich mehlig und warm an - und sehr, sehr klebrig", bemerken sie giggelnd. Das Mehl dafür kommt diesmal aus dem Hofladen. Doch auch Weizen wächst auf dem Gelände der Klosterwiese, er wird, wenn er reif ist, gedroschen, zu Mehl und dann gemeinsam zu Brot verarbeitet. Für den heutigen Stockbrotteig braucht's noch eine Tasse Mehl und eine Extraportion Muskelkraft, dann kann er ein paar Stunden ruhen, bevor die Eltern anrücken.

Teamleiterin Doll freut sich über das Engagement der Eltern: "Wir sind hier häufig der erste Kontakt zum Bauernhof für die Kinder. Umso toller, dass die Eltern auch Interesse zeigen und ihren Kindern näherbringen wollen, wie ihre Lebensmittel entstehen", erklärt sie. "Hier können die Kinder selbst erleben: Wo kommt mein Essen her? Was sind die Unterschiede zur konventionellen Landwirtschaft? Wir zeigen Alternativen, die zukunftsfähig sind", ist sie überzeugt.

Die Früchte ihrer Arbeit erntet die Erlebnispädagogin, wenn alle gemeinsam zwischen Heuballen am Tisch sitzen, die Löffel im Geschirr klappern, die Mägen voll mit warmer Suppe und leckeren Kartoffeln sind - selbst geerntet und zubereitet. Und die Kinder wieder ein Stück näher an dem, was sie satt macht.

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