Viele Lebensmittel kommen in Plastik verpackt in den Handel (Foto: Imago)
28.05.2019
Plastik

Wo Äußerlichkeiten zählen

Sie ist ein Aufregerthema: die Biogurke im Kunststoffmantel. Der Einsatz von Plastikverpackungen gerät immer stärker in die Diskussion. Auch die Biobranche will umsteuern. Alternativen gibt es schon. Doch wie sinnvoll sind sie wirklich? Von Marta Fröhlich

4,5 Millionen Tonnen Plastikmüll produzierten wir Deutschen allein 2018. Der Lebensmittelmarkt ist dabei ein Hauptspielplatz. Allein zum Eintüten von Obst und Gemüse werden jährlich drei Milliarden sogenannte Knotenbeutel verwendet. Hinzu kommen Joghurts in Plastikbechern, eingeschweißte Käsescheiben und einzeln folierte Schokoriegel. Besonders in der Kritik steht auch Biogemüse. Der Gesetzgeber hat den Handel dazu verpflichtet, Bioware von konventioneller Ware für den Kunden unterscheidbar zu machen und die Verwechslungsgefahr auszuschließen. Die Plastikverpackung war bisher die günstigste Lösung.

Doch es regt sich Widerstand. Immer mehr Kunden suchen nach Alternativen zum umweltschädlichen Plastik. Glas zum Beispiel feiert ein Comeback im Supermarktregal. Gläser und Flaschen können mehrfach verwendet und schließlich eingeschmolzen und recycelt werden.

Sind Glasflaschen wirklich ökologischer?
Aber ist Glas wirklich so umweltfreundlich? In seiner Herstellung verbraucht es enorm viel Energie. Dazu kommt der Transport. Beispiel Mineralwasser: Die Deutsche Umwelthilfe hat errechnet, dass Wasser in Mehrwegflaschen im Schnitt insgesamt 260 Kilometer transportiert wird. Dabei ist es wegen ihres geringeren Gewichts bereits ab einer Transportdistanz von 50 Kilometern ökologischer, Mehrwegflaschen aus Plastik einzusetzen, auch wenn diese nur halb so oft wiederverwendet werden können.

Ähnlich komplex ist das Thema Papier. Papiertüten sind zwar biologisch abbaubar, doch benötigt man zur Produktion enorm viel Wasser, Energie und Chemikalien. Laut Umwelthilfe bestehen nur wenige Tüten aus Recyclingmaterial, denn für robuste Varianten sind besonders lange Papierfrischfasern unverzichtbar. Hinzu kommt, dass die Papiertüte meist ein Einwegprodukt ist.

Gefährliches „Bioplastik“

Auch als Lebensmittelverpackung eignet sich Papier nur bedingt. Recyclingpapier kann wegen der Farb- und Chemikalienrückstände nicht eingesetzt werden. Deshalb setzen viele Hersteller auf eine dünne Kunststoffbeschichtung, wo die Verpackung mit dem Lebensmittel in Kontakt kommt.

Als Mogelpackung entpuppt sich oft sogenanntes Bioplastik. Der Kunststoff, der als biologisch abbaubar deklariert wird, enthält Zusätze, die ihn leichter beim Kompostieren zerfallen lassen. Das Ergebnis: Mikroplastik, das kaum weiter abgebaut werden kann. Die EU überlegt schon, "Bioplastik" verbieten zu lassen.

Gemüse mit Laserbranding
Deshalb suchen Hersteller und Verarbeiter auch in der Biobranche nach neuen Wegen: Beim "Smart labeling" zum Beispiel wird das Firmenlogo oder das Wort „Bio“ per Laser in Gurke, Ingwer und Co. eingraviert, um Verwechslungen auszuschließen. Das geht jedoch nicht immer. Zitrusfrüchte etwa verlieren Feuchtigkeit, bei Äpfeln könnten Zellen beschädigt werden. Und doch spart der Discounter Netto mit dieser Methode schon heute 50 Tonnen Plastik pro Jahr.

Auch nachwachsende Rohstoffe wie Maisstärke sind im Kommen. Aber sie sind ebenfalls umstritten. Die Ökofirma Rapunzel kritisiert, dass häufig "diese Art von Folien zum Teil aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt" wird. Auch kämen Kunstdünger und Pestizide zum Einsatz und die Rohstoffe würden dort wachsen, wo auch Lebensmittel hätten angebaut werden können. Für viele Bios gilt deshalb: Öko fängt schon bei der Rohstoffproduktion an.

Davon ist auch Kerstin Hintz überzeugt. Die Landwirtin betreibt einen Bioland-Hof mit Direktvermarktung in Niedersachsen. "Der Endverbraucher ist bereits sensibilisiert und will auf Plastik verzichten", sagt sie. Diesem Wunsch könnte ihrer Meinung nach ein regionales Pfandsystem für Glasverpackungen Rechnung tragen. "Bioland-Hofläden einer Region könnten ein geschlossenes Mehrwegsystem aufbauen - für Marmelade, Joghurt, Milch", schlägt sie vor.

Aber auch der Großhandel, der Hofläden beliefert, könnte mehr auf Plastik verzichten. Hier müssen jedoch Transportsicherheit und Rentabilität beachtet werden. Hintz sieht an dieser Stelle noch viel Potenzial, zum Beispiel bei nachhaltigen Kühlverpackungen aus Hanfplatten oder Stroh, wie sie die Firma Landpack bereits anbietet.

Kerstin Hintz steht mit ihren Visionen schon lang nicht mehr allein auf weiter Flur. Immer mehr Betriebe setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander. Dies kann auch Irene Leifert, Beraterin für Direktvermarktung, Verarbeitung und Vermarktung bei Bioland, bestätigen. Die Anfragen nehmen zu. "Für die Kunden ist der Direktvermarkter am Hof der verpackungsärmste Laden", sagt sie. "Aber auch wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir eine aufs Produkt und auch auf die Menge angepasste ökologische Verpackung finden." Im Fokus steht dabei immer die Lebensmittelsicherheit - zum Beispiel an der Fleischtheke. "Viele Kunden wollen ihre eigenen Dosen mitbringen. Doch die Gefahr für Schmierinfektionen auf der Theke ist hoch", erklärt sie. Große Läden können Lösungen wie Tabletts anbieten, auf denen die Kunden ihre Verpackungen abstellen könnten. Doch ein kleiner Hofladen hat diese Möglichkeit oft nicht.

"Deshalb brauchen wir weiterhin Kunststoffe. Aber: Wir versuchen, verpackungsarm zu werden und Lösungen zu entwickeln", sagt Leifert. Ihrer Meinung nach braucht es jedoch zunächst Innovationen der großen Konzerne, die das nötige Budget haben, um mit neuen Methoden zu experimentieren. "Dazu werden sie mit dem neuen Verpackungsgesetz auch schon gezwungen", sagt die Beraterin. Denn seit vergangenem Jahr müssen jene, die Plastik in Umlauf bringen, Lizenzen dafür zahlen und beteiligen sich so indirekt an Recycling und Entsorgung. Der Druck auf die großen Konzerne wächst.

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