Zehntausende Demonstranten kommen jährlich zur "Wir haben es satt!"-Demo nach Berlin, um gegen eine industrielle Landwirtschaft zu protestieren (Fotos: imago)
14.01.2020
Bauernproteste

Was die Landwirte auf die Straße treibt

Es geht um die Zukunft der Landwirtschaft auf Deutschlands Straßen. Doch zu der haben die beiden Bewegungen "Wir haben es satt!" und "Land schafft Verbindung" recht unterschiedliche Vorstellungen. Ein Vergleich. Von Désirée Thorn

Treckerparaden ziehen durch die Städte, Menschen protestieren, Banner und Plakate mahnen. Spätestens seit dem Herbst steht die Landwirtschaft im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit und mit ihr die Frage: Wie soll's weitergehen? Auch zur Grünen Woche werden sich wieder Tausende Demonstranten in Berlin versammeln. Neben der alljährlichen "Wir haben es satt!"-Demo hat "Land schafft Verbindung" Proteste angekündigt.

Nicht mal ganz vier Monate ist es her, dass die Bewegung "Land schafft Verbindung" (LsV) ins Leben gerufen wurde. Aus einer Facebook-Gruppe, gegründet am 1. Oktober 2019, entstand innerhalb kürzester Zeit ein umfangreiches Netzwerk von größtenteils konventionellen Landwirten und Unterstützern. Zum ersten bundesweiten Aktionstag am 22. Oktober kamen nach Angaben der Veranstalter mehr als 80.000 Menschen mit über 18.000 Traktoren an 28 Orten zusammen. Ende November trafen sich Tausende Landwirte zu einer Großkundgebung am Brandenburger Tor. Ihr Antrieb: Frust.

Die Bewegung "Land schafft Verbindung" macht vor allem mit ihren Treckerparaden auf sich aufmerksam

Die Bäuerinnen und Bauern kritisieren die Agrarpolitik der Bundesregierung, sie wollen gehört werden, mitreden, selbst bestimmen. Auch fühlen sie sich oft vom Deutschen Bauernverband nicht angemessen vertreten. Viele von ihnen sorgen sich um die Zukunft ihrer Betriebe und befürchten, dass härtere Auflagen ihre Höfe finanziell ruinieren könnten. Sie haben Angst vor einer strengeren Düngeverordnung oder einem Pestizidverbot. Die Sorgen sind groß, die Enttäuschungen auch.

Sucht man bei LsV aber nach alternativen Lösungsansätzen, wird es undurchsichtig. Das liegt auch daran, dass die Bewegung inzwischen in zwei Lager gespalten ist. Die Initiatorin von LsV, Maike Schulz-Broers, steht nach wie vor an der Spitze von "Land schafft Verbindung - Das Original" und hat mit knapp 28.000 Menschen auch die Mehrzahl der Facebook-Abonnenten auf ihrer Seite. Doch schon kurz nach der ersten Demonstration kam der Bruch. Ein großer Teil des Organisationsteams distanzierte sich Ende Oktober von Schulz-Broers und spaltete sich von ihr ab. Die Initiatorin stelle "eigene Interessen über den Gedanken des Allgemeinwohls".

Innerhalb kürzester Zeit haben sich etliche Bäuerinnen und Bauern der Bewegung "Land schafft Verbindung" angeschlossen

Einer der größten Streitpunkte war wohl, dass Maike Schulz-Broers ohne das Wissen der meisten Mitorganisatoren mit Verbänden sprach. "Die Schwächen des Bauernverbands sind der Grund dafür, dass wir da sind", sagt Dirk Andresen, nun einer der Sprecher von "Land schafft Verbindung - Deutschland". Zwischenzeitlich hatten sich die Bewegungen wieder angenähert, doch die Situation scheint verfahren. Die Beteiligten machen sich gegenseitig Vorwürfe. Es sieht ganz so aus, als bleibe es auch zukünftig bei den beiden Lagern. "Diese Parallelstruktur ist bedauerlich", sagt Andresen.

Die abgespaltene Bewegung "Land schafft Verbindung - Deutschland" ist immer noch kleiner als "Das Orginal", aber dafür in Vereinsstrukturen organisiert und medial präsenter. Vor allem formuliert LsV Deutschland aber etwas deutlichere Forderungen als die Ursprungsbewegung; sie will beispielsweise den landwirtschaftlichen Flächenverbrauch reduzieren und das Nitrat-Messstellennetz erweitern. Die Kritikpunkte überwiegen die Lösungsansätze. Die Landwirtschaft der Zukunft bleibt in der noch so jungen Bewegung bisher eine vage Vorstellung.

Essen ist politisch - davon sind die Teilnehmer der "Wir haben es satt!"-Demonstration überzeugt

Dass der Graben zwischen den beiden Gruppierungen tief ist, wird allein schon an den zuletzt angekündigten Protestterminen deutlich. Während die Gruppe um Maike Schulz-Broers für den 14. Januar zu einer erneuten Demo aufrief, plant die abgespaltene Gruppe eine Aktion drei Tage später. Unter anderem als Gegenveranstaltung zur traditionellen "Wir haben es satt!"-Demo, die am darauffolgenden Tag stattfindet. Das Ziel von "Wir haben es satt!" (WHES): eine Agrar- und Ernährungswende für die Landwirtschaft der Zukunft.

Denn: Was die drei Gruppen eint, ist die Unzufriedenheit mit der Politik. Abseits der Polterer in den sozialen Medien hat man sogar Verständnis füreinander. Auch die Unterstützer der "Wir haben es satt!"-Demo wollen das Höfesterben aufhalten, auch sie wollen mehr Unterstützung auf EU-Ebene.

Sie sind aber der Meinung, dass eine absolut nachhaltige, menschen-, tier- und umweltgerechte Landwirtschaft notwendig ist. Zweifel an den Nitratmesswerten oder dem Einfluss der Landwirtschaft auf Artenvielfalt und Biodiversität gibt es im Gegensatz zu Stimmen bei LsV nicht. Nach den Organisatoren von WHES soll die industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion gestoppt, die bäuerliche und ökologische Landwirtschaft hingegen gefördert werden.

Zu sechs Bereichen hat die Kampagne klare Forderungen formuliert. So sollen zum Beispiel Betriebe für Umweltleistungen belohnt, Überproduktion verhindert, quälerische Tierhaltung verboten und synthetischer Dünger und Pflanzenschutz systematisch reduziert werden. So eine Wende brauche eine gute Portion Mut, heißt es. "Aber sie ist die einzige Möglichkeit, um den Herausforderungen der kommenden Jahre zu begegnen."

 

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