Blühstreifen sollten mehrjährig sein, dann lohnt sich auch der Aufwand (Fotos: Katharina Schertler/Bioland)
15.10.2018
Artenvielfalt auf dem Bauernhof

Die Rückkehr der Rebhühner

Bio tut der Artenvielfalt grundsätzlich gut. Das zeigen Studien. Doch auch der Biobauer muss sich anstrengen, damit sich Wildbiene, Feldlerche, Feldhase oder Acker-Rittersporn bei ihm wirklich wohlfühlen. Manchmal kann eine gut gemeinte Aktion sogar kontraproduktiv sein. Von Julia Schreiner

Wenn es um krabbelnden, fliegenden oder blühenden Artenreichtum auf ihren Feldern und Äckern geht, haben Biobauern meist die Nase vorn. Das legen verschiedene Studien nahe. So spritzen Biobauern Unkräuter nicht tot und verwenden keinen Kunstdünger. Doch auch auf einem Biohof kann es passieren, dass Mähmaschinen die Nester von brütenden Vögeln im Feld zerstören. Oder spätblühende Ackerwildkräuter es nicht schaffen, Samen auszubilden, weil gleich nach der Getreide-Ernte das Feld leergeräumt wird. Oder es generell an Hecken und anderen Rückzugsorten fehlt.

Nicht immer läuft alles optimal ab. Doch immer mehr Landwirte haben erkannt, dass sie noch mehr für die Artenvielfalt tun können. "Das ist eine gute Voraussetzung, denn die meisten Maßnahmen kosten Geld", sagt Karin Stein-Bachinger, Agraringenieurin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung. Sie leitet das Projekt "Landwirtschaft für Artenvielfalt", das ein Punktesystem für Biobauern entwickelt hat (siehe Kasten). Weil Land für den Anbau verloren geht, wenn man zum Beispiel Hecken pflanzt. Weil man die Pflanzen dafür kaufen muss. Manche Bundesländer unterstützen die Bauern finanziell dabei, aber längst nicht alle. "Darum werden nicht viele Hecken angelegt", sagt Philip Hunke vom Nabu. "Blühstreifen sind billiger." Beides nützt der Artenvielfalt, Hecken allerdings meist etwas mehr. Insekten, Vögel und Reptilien - sie alle können hier Lebensraum finden.

Man könne Landwirte durchaus auch für Hecken begeistern, meint Katharina Schertler. Sie ist Naturschutzberaterin bei Bioland. Bioland-Bauer Heinrich Rülfing etwa hat sich überzeugen lassen. Er hat letzten November zwei Hecken gepflanzt, eine bei der Büffelwiese und eine bei der Streuobstwiese. Und ist begeistert: "Die Rebhühner haben sich nach 15 Jahren Biolandbau wieder bei uns eingestellt. Ein super schöner Anblick." Rülfing wird die Wiesen nicht vor Juli mähen, damit die Rebhühner in Ruhe brüten können.

Einfach mal auf eigene Faust loszulegen ist meistens keine gute Idee. Schließlich ist man als Landwirt nicht automatisch auch ein versierter Naturschützer. "Viele Maßnahmen werden eher blind umgesetzt", meint Hunke vom Nabu. Da will man etwa der Feldlerche etwas Gutes tun und weiß gar nicht, wo sie sich eigentlich wohlfühlt. "Agrarumweltprogramme werden oft vom Schreibtisch aus geplant", bestätigt Naturschutzberaterin Schertler. Ohne dass sich jemals ein Naturschutzexperte auf dem Hof umgesehen hätte.

"Nur ein Nistkasten bringt nichts"

Dann kann es passieren, dass ein Bauer in guter Absicht einen Blühstreifen auf einem Acker anlegt, auf dem schon seltene Ackerwildkräuter wachsen, die er eigentlich schützen sollte. Und die dann mit den ausgesäten Blühmischungen schlecht klar kommen. Oder der Blühstreifen steht an einer Bundesstraße. Auch nicht gut: Denn die angelockten Tiere werden dann vielleicht platt gefahren.

"Es ist wichtig, erst mal in die Landschaft zu gucken", sagt Hunke. Wer lebt drumherum bereits? Gibt es etwa Teiche in der Nähe, bieten sich Wanderkorridore für Amphibien an. Auf den Transitwegen sollte man nicht düngen. Und spritzen sowieso nicht. "Das mögen Amphibien gar nicht."

Hunke vom Nabu weiß, dass ein Landwirt nicht alles stilllegen kann für den Naturschutz. Er braucht auch nicht seine besten Böden für Blühstreifen herzugeben. "Da übersteigt der Ernteausfall die finanzielle Entschädigung durch den Staat." Auf fünf bis zehn Prozent seiner landwirtschaftlichen Flächen sollte der Bauer aber schon gezielt etwas für die Artenvielfalt tun."Nur einen Nistkasten am Hof aufzuhängen bringt letztlich nichts", so Hunke. Ein Maßnahmenmix sollte es sein.

Möglichkeiten gibt es viele. Jeder Bauer muss schauen, was am besten zu ihm passt und was er umsetzen kann. Auf konventionellen Feldern bringe es viel, das Getreide nicht so dicht zu säen, erklärt Hunke vom Nabu. Das sei bei Biobauern weniger ein Problem. Dort stehen die Ähren ohnehin lockerer. Auf Biofeldern geht es eher darum, beim Striegeln - das ist mechanische Unkrautbekämpfung - auf brütende Vögel Rücksicht zu nehmen, damit deren Nester heil bleiben. Dabei helfen zum Beispiel Bambusstöcke als Nestermarkierung, schlägt der Bund Naturschutz vor. Alle Nester zu finden und zu markieren ist allerdings aufwändig.

Nahrung für Insekten: Ein Ackerrandstreifen mit Mohn und Rittersporn

Natürlich reduziert Striegeln auch die Ackerwildkräuter. "Mit Unkrautvernichtungsmitteln kann man das aber nicht vergleichen", so Naturschutzberaterin Schertler. Nach dem Striegeln finden sich immer noch viel mehr Beikräuter auf dem Feld als nach einem Gifteinsatz. Es gibt Hinweise darauf, dass etwa der violett-blau blühende bedrohte Acker-Rittersporn vom Striegeln vielleicht sogar profitieren könnte.

Wandern zum Beispiel Amphibien umher, sollte man vorsichtig sein mit dem Pflügen. Wenn sich allerdings bereits Problemkräuter breit gemacht haben, ist der Pflugverzicht keine gute Idee. Das macht dann nicht nur dem Landwirt Probleme. Auch die Artenvielfalt kann leiden, wenn dominante Problemkräuter über Hand nehmen und andere Wildkräuter verdrängen.

Wer vor Juli mäht, macht zwar für den Amphibien-Nachwuchs alles richtig, weil die Jungtiere erst dann aus den Gewässern abwandern. Aber schadet damit vielleicht Wachtel oder Feldlerche, weil die noch nicht fertig ist mit dem Brüten. Man sollte sich also vorher Gedanken machen, welche Tierart man eigentlich fördern will. Allen kann man es nicht recht machen.

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Das Projekt "Landwirtschaft für Artenvielfalt" unter Leitung von Karin Stein-Bachinger