Berge von Altglas: Die Recyclingquote liegt in Deutschland bei über 80 Prozent (Fotos: Julia Romlewski)
20.01.2016
Altglas

Darf der Deckel draufbleiben?

Die Deutschen sind stolz auf ihre Mülltrennung. Wir trennen nicht nur nach Material, wir sortieren sogar alte Flaschen nach Farben. Aber was genau passiert damit? Und muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Grünglas beim Weißglas einwirft oder die Deckel drauflässt? Von Julia Romlewski

Wenn ich meine leeren Olivenölflaschen, Tomaten- und Marmeladengläser zum nächsten Altglascontainer geschleppt habe, ist für mich die Sache gedanklich abgehakt. Für meine alten Flaschen geht die Reise dann aber erst richtig los. Ein Müllauto holt sie ab und bringt sie in eine Altglasaufbereitungsanlage. Zum Beispiel nach Koblenz zur Rhenus AG. 2014 kam dort die 3.000.000. Tonne Altglas an. Pro Jahr sind es 140.000 bis 150.000 Tonnen Flaschen. Unvorstellbar viel, und dabei ist die Koblenzer Recyclinganlage nur eine von vielen in Deutschland.

Riesige Flaschenberge türmen sich jeden Tag auf dem Gelände. Es riecht aber besser als auf anderen Müllhalden. Offenbar werfen die meisten Leute ihre alten Flaschen doch restentleert - wie es im Fachjargon heißt - in die Container, manche spülen sie sogar. Geht man von einem Glasberg zum anderen, knirscht es unter den Schuhen. Es gibt weiße Berge und braune und grüne, und alles glitzert in der Sonne. Kneift man ein bisschen die Augen zu, könnte man meinen, der weiße Berg gegenüber sei aus Salz. "Das ist Brunnenglas, das ist besonders weiß und rein", sagt Sandra Bodenbach. Sie kümmert sich um das Qualitäts- und Energiemanagement der Anlage. Das Brunnenglas kommt direkt von den Abfüllfirmen. Es sind ausrangierte Mehrwegflaschen.

Ein Lkw kommt in der Altglasaufbereitungsanlage der Rhenus AG in Koblenz an. Die Flaschen sind nach Farben in drei Kammern sortiert.
Ein Müllauto kommt an und lädt ab. Die Berge werden noch ein bisschen höher. Wer zufällig mitbekommt, wie ein Altglascontainer geleert wird, könnte argwöhnen, im Müllwagen werde braunes, grünes und weißes Glas einfach wieder zusammengeworfen. Ist die Trennung nach Farben also für die Katz?

Nein. Die Müllwagen haben nämlich verschiedene Kammern. Das sieht man, wenn man in der Recylinganlage oben auf einer Treppe steht und runterschaut. Der Müllwagen steuert zuerst den grünen Flaschenberg an, denn das grüne Glas lagert ganz hinten im Lkw.

Sortenreinheit ist wichtig, darum müssen falsche Farben aussortiert werden
Wenn man die Berge genauer anschaut, sieht man grüne Flecken im Weiß aufblitzen oder Weißes im Grün. Fehlfarben nennen die Recyclingmitarbeiter das. Flaschen, die Verbraucher falsch in den Container eingeworfen haben. Der Grünanteil muss unter 0,1 Prozent liegen, sonst bekommt das aufbereitete Weißglas einen Grünstich.

In der Koblenzer Altglasaufbereitungsanlage arbeiten nur zwölf festangestellte Mitarbeiter. Denn das meiste erledigen Maschinen. Recycling ist Hightech. Über Förderbänder werden die Flaschen oder Scherben von Maschine zu Maschine gebracht.

Handarbeit: Den gröbsten Müll fischen Mitarbeiter selbst heraus, den Rest erledigen Maschinen
Erst einmal kommt ein Walzenbrecher und macht die Flaschen klein, danach ziehen Magnete die Flaschendeckel heraus. Ganz ohne Handarbeit geht es aber doch nicht: Das Band läuft auch an einem Mitarbeiter vorbei, der den gröbsten Müll zwischen den gebrochenen Flaschen herausfischt. Was die Leute so alles in den Container geworfen haben: Plastiktüten zum Beispiel, Müllreste, Schlüssel. Oder Geldbeutel. "Es kommt öfter vor, dass Diebe Portemonnaies im Altglascontainer entsorgen", sagt Bodenbach. Natürlich ohne Geldscheine. "Diese Dinge sammeln wir und geben sie dann ab." Einmal haben die Mitarbeiter sogar ein Kaninchen im Altglas gefunden. Er lebte noch und kam bei einem Mitarbeiter in Obhut. "Leider erwischte ihn später ein Raubvogel."

Nach der Sortierung wird das Glas bei bis zu 300 Grad getrocknet. "Je nachdem, wie feucht es ist. Im Winter müssen wir höher drehen", erklärt Anlagenmeister Eugen Velte. Gewaschen wird das Glas nicht, trocknen reicht. Danach landet es in einer Art Mühle und wird so lange hin und hergeschoben, bis sich die Etiketten gelöst haben. Sie werden abgesaugt. Auch winzige Scherben unter zwei Millimeter werden rausgepustet. Sie sind viel zu fein und könnten die Geräte verschmutzen.

Altglassammlung

Die flächendeckenden Altglassammlungen gibt es in Deutschland seit 1974. Einige Kommunen stellen den Haushalten Tonnen zur Verfügung, andere stellen öffentliche Container auf. Nach Angaben der Gesellschaft für Glasrecycling und Abfallvermeidung gibt es mehr als 20 Altglasrecyclinganlagen in Deutschland und an die 30 Glashütten, in denen das Altglas der Haushalte wieder eingeschmolzen wird. 

In Deutschland stellten Glashersteller 2013 laut Umweltbundesamt rund sieben Millionen Tonnen Glas her. Aus etwas mehr als der Hälfte wurden Behältnisse wie Flaschen, gefolgt von Flachglas (ein Drittel).

Und dann geht die Farbsortierung los. Maschinen mit Fotokameras erkennen Fehlfarben und Störteilchen aus Plastik, Stein oder Keramik auf dem Förderband. Mit Druckluft werden sie rausgeschossen. Adé, grüne Scherbe im Weißglas. Das Glas wird mehrmals sortiert. Auch Bleihaltiges wie Scherben von Kristallgläsern muss raus. Denn Blei ist in Trinkflaschen schon lange nicht mehr erlaubt. Keramik wiederum ist hitzeresistenter als Glas, es würde in den Glashütten nicht richtig schmelzen. Die Folge: Unschöne Einschüsse im Glas. Der Glasstaub, den die Maschinen aussortiert haben, geht als Baustoff in die Industrie.

So sieht das aufbereitete Grünglas aus
Kommt das Glas irgendwann aus den Maschinen wieder aufs Gelände, sieht der neue Berg, der sich dann auftürmt, aus wie gewaschen. Das Weiß ist deutlich heller geworden, das Grün leuchtet. "Das aufbereitete Glas verkaufen wir an Glashütten in Deutschland", erklärt Bodenbach. Die sitzen zum Beispiel in Essen oder im Spessart.

Die Glashütten schmelzen die alten Scherben wieder ein. Daraus entstehen neue Flaschen, Einmachgläser oder auch Parfumflacons. Glas besteht vor allem aus Quarzsand, Soda und Kalk. Je mehr alte Scherben man beimischt, desto weniger Hitze braucht man in den Schmelzöfen. Und desto weniger neues Material.

Grüne Flaschen bestehen zu 90 Prozent aus Altscherben, denn grünes Glas lässt sich am einfachsten aufbereiten. Es hält mehr Fremdfarben und Fremdstoffe aus. Wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Flasche grün oder eher braun ist, wirft man sie also am besten zum Grünglas. 

Eine weiße Flasche besteht meistens nur zur Hälfte aus Altglas. Denn auch die beste Recyclinganlage kann kein hundertprozentig reines Glas liefern. Fremdspuren finden sich eigentlich immer. "20 Gramm Keramik pro Tonne sind zulässig, bis zu fünf Gramm Aluminium und bis zu 300 Gramm Papier und Plastik pro Tonne", sagt Betriebsleiter Velte.

33

Fotostrecke

Auch wenn es für die Mitarbeiter in der Recyclinganlage angehmer wäre: Ausspülen muss man die Flaschen und Gläser nicht unbedingt. "Das kostet ja auch wieder Wasser und Energie", erklärt Velte. Ausgeleert sollten sie aber schon sein. Je mehr Essensreste, Fehlfarben oder gar Müll im Altglas, desto mehr muss sortiert werden und desto aufwändiger und teurer wird das Recyceln. Zahlen müssen das die Kommunen und die Verbraucher - über die Müllgebühren.

Mehrwegglasflaschen sollten außerdem erste Wahl bleiben. Denn Einwegglas hat trotz Wiederaufbereitung eine eher schlechte Umweltbilanz. Wenn man eine Flasche bei 1500 Grad wieder einschmelzt, sollte sie zuvor besser mehrfach benutzt worden sein.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Berge von Altglas: Die Recyclingquote liegt in Deutschland bei über 80 Prozent (Fotos: Julia Romlewski)
20.01.2016
Altglas

Darf der Deckel draufbleiben?

Die Deutschen sind stolz auf ihre Mülltrennung. Wir trennen nicht nur nach Material, wir sortieren sogar alte Flaschen nach Farben. Aber was genau passiert damit? Und muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Grünglas beim Weißglas einwirft oder die Deckel drauflässt? Von Julia Romlewski

Wenn ich meine leeren Olivenölflaschen, Tomaten- und Marmeladengläser zum nächsten Altglascontainer geschleppt habe, ist für mich die Sache gedanklich abgehakt. Für meine alten Flaschen geht die Reise dann aber erst richtig los. Ein Müllauto holt sie ab und bringt sie in eine Altglasaufbereitungsanlage. Zum Beispiel nach Koblenz zur Rhenus AG. 2014 kam dort die 3.000.000. Tonne Altglas an. Pro Jahr sind es 140.000 bis 150.000 Tonnen Flaschen. Unvorstellbar viel, und dabei ist die Koblenzer Recyclinganlage nur eine von vielen in Deutschland.

Riesige Flaschenberge türmen sich jeden Tag auf dem Gelände. Es riecht aber besser als auf anderen Müllhalden. Offenbar werfen die meisten Leute ihre alten Flaschen doch restentleert - wie es im Fachjargon heißt - in die Container, manche spülen sie sogar. Geht man von einem Glasberg zum anderen, knirscht es unter den Schuhen. Es gibt weiße Berge und braune und grüne, und alles glitzert in der Sonne. Kneift man ein bisschen die Augen zu, könnte man meinen, der weiße Berg gegenüber sei aus Salz. "Das ist Brunnenglas, das ist besonders weiß und rein", sagt Sandra Bodenbach. Sie kümmert sich um das Qualitäts- und Energiemanagement der Anlage. Das Brunnenglas kommt direkt von den Abfüllfirmen. Es sind ausrangierte Mehrwegflaschen.

Ein Lkw kommt in der Altglasaufbereitungsanlage der Rhenus AG in Koblenz an. Die Flaschen sind nach Farben in drei Kammern sortiert.
Ein Müllauto kommt an und lädt ab. Die Berge werden noch ein bisschen höher. Wer zufällig mitbekommt, wie ein Altglascontainer geleert wird, könnte argwöhnen, im Müllwagen werde braunes, grünes und weißes Glas einfach wieder zusammengeworfen. Ist die Trennung nach Farben also für die Katz?

Nein. Die Müllwagen haben nämlich verschiedene Kammern. Das sieht man, wenn man in der Recylinganlage oben auf einer Treppe steht und runterschaut. Der Müllwagen steuert zuerst den grünen Flaschenberg an, denn das grüne Glas lagert ganz hinten im Lkw.

Sortenreinheit ist wichtig, darum müssen falsche Farben aussortiert werden
Wenn man die Berge genauer anschaut, sieht man grüne Flecken im Weiß aufblitzen oder Weißes im Grün. Fehlfarben nennen die Recyclingmitarbeiter das. Flaschen, die Verbraucher falsch in den Container eingeworfen haben. Der Grünanteil muss unter 0,1 Prozent liegen, sonst bekommt das aufbereitete Weißglas einen Grünstich.

In der Koblenzer Altglasaufbereitungsanlage arbeiten nur zwölf festangestellte Mitarbeiter. Denn das meiste erledigen Maschinen. Recycling ist Hightech. Über Förderbänder werden die Flaschen oder Scherben von Maschine zu Maschine gebracht.

Handarbeit: Den gröbsten Müll fischen Mitarbeiter selbst heraus, den Rest erledigen Maschinen
Erst einmal kommt ein Walzenbrecher und macht die Flaschen klein, danach ziehen Magnete die Flaschendeckel heraus. Ganz ohne Handarbeit geht es aber doch nicht: Das Band läuft auch an einem Mitarbeiter vorbei, der den gröbsten Müll zwischen den gebrochenen Flaschen herausfischt. Was die Leute so alles in den Container geworfen haben: Plastiktüten zum Beispiel, Müllreste, Schlüssel. Oder Geldbeutel. "Es kommt öfter vor, dass Diebe Portemonnaies im Altglascontainer entsorgen", sagt Bodenbach. Natürlich ohne Geldscheine. "Diese Dinge sammeln wir und geben sie dann ab." Einmal haben die Mitarbeiter sogar ein Kaninchen im Altglas gefunden. Er lebte noch und kam bei einem Mitarbeiter in Obhut. "Leider erwischte ihn später ein Raubvogel."

Nach der Sortierung wird das Glas bei bis zu 300 Grad getrocknet. "Je nachdem, wie feucht es ist. Im Winter müssen wir höher drehen", erklärt Anlagenmeister Eugen Velte. Gewaschen wird das Glas nicht, trocknen reicht. Danach landet es in einer Art Mühle und wird so lange hin und hergeschoben, bis sich die Etiketten gelöst haben. Sie werden abgesaugt. Auch winzige Scherben unter zwei Millimeter werden rausgepustet. Sie sind viel zu fein und könnten die Geräte verschmutzen.

Altglassammlung

Die flächendeckenden Altglassammlungen gibt es in Deutschland seit 1974. Einige Kommunen stellen den Haushalten Tonnen zur Verfügung, andere stellen öffentliche Container auf. Nach Angaben der Gesellschaft für Glasrecycling und Abfallvermeidung gibt es mehr als 20 Altglasrecyclinganlagen in Deutschland und an die 30 Glashütten, in denen das Altglas der Haushalte wieder eingeschmolzen wird. 

In Deutschland stellten Glashersteller 2013 laut Umweltbundesamt rund sieben Millionen Tonnen Glas her. Aus etwas mehr als der Hälfte wurden Behältnisse wie Flaschen, gefolgt von Flachglas (ein Drittel).

Und dann geht die Farbsortierung los. Maschinen mit Fotokameras erkennen Fehlfarben und Störteilchen aus Plastik, Stein oder Keramik auf dem Förderband. Mit Druckluft werden sie rausgeschossen. Adé, grüne Scherbe im Weißglas. Das Glas wird mehrmals sortiert. Auch Bleihaltiges wie Scherben von Kristallgläsern muss raus. Denn Blei ist in Trinkflaschen schon lange nicht mehr erlaubt. Keramik wiederum ist hitzeresistenter als Glas, es würde in den Glashütten nicht richtig schmelzen. Die Folge: Unschöne Einschüsse im Glas. Der Glasstaub, den die Maschinen aussortiert haben, geht als Baustoff in die Industrie.

So sieht das aufbereitete Grünglas aus
Kommt das Glas irgendwann aus den Maschinen wieder aufs Gelände, sieht der neue Berg, der sich dann auftürmt, aus wie gewaschen. Das Weiß ist deutlich heller geworden, das Grün leuchtet. "Das aufbereitete Glas verkaufen wir an Glashütten in Deutschland", erklärt Bodenbach. Die sitzen zum Beispiel in Essen oder im Spessart.

Die Glashütten schmelzen die alten Scherben wieder ein. Daraus entstehen neue Flaschen, Einmachgläser oder auch Parfumflacons. Glas besteht vor allem aus Quarzsand, Soda und Kalk. Je mehr alte Scherben man beimischt, desto weniger Hitze braucht man in den Schmelzöfen. Und desto weniger neues Material.

Grüne Flaschen bestehen zu 90 Prozent aus Altscherben, denn grünes Glas lässt sich am einfachsten aufbereiten. Es hält mehr Fremdfarben und Fremdstoffe aus. Wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Flasche grün oder eher braun ist, wirft man sie also am besten zum Grünglas. 

Eine weiße Flasche besteht meistens nur zur Hälfte aus Altglas. Denn auch die beste Recyclinganlage kann kein hundertprozentig reines Glas liefern. Fremdspuren finden sich eigentlich immer. "20 Gramm Keramik pro Tonne sind zulässig, bis zu fünf Gramm Aluminium und bis zu 300 Gramm Papier und Plastik pro Tonne", sagt Betriebsleiter Velte.

33

Fotostrecke

Auch wenn es für die Mitarbeiter in der Recyclinganlage angehmer wäre: Ausspülen muss man die Flaschen und Gläser nicht unbedingt. "Das kostet ja auch wieder Wasser und Energie", erklärt Velte. Ausgeleert sollten sie aber schon sein. Je mehr Essensreste, Fehlfarben oder gar Müll im Altglas, desto mehr muss sortiert werden und desto aufwändiger und teurer wird das Recyceln. Zahlen müssen das die Kommunen und die Verbraucher - über die Müllgebühren.

Mehrwegglasflaschen sollten außerdem erste Wahl bleiben. Denn Einwegglas hat trotz Wiederaufbereitung eine eher schlechte Umweltbilanz. Wenn man eine Flasche bei 1500 Grad wieder einschmelzt, sollte sie zuvor besser mehrfach benutzt worden sein.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de: